Auf einer Bank im Park vor dem Rüschhaus sitzt Annette und hält Ausschau nach dem jungen Freund; ein wilder Strauch täuscht ihr in der Bewegung des Windes die Ankunft des Erwarteten vor. In diesem Bild, das sie selbst in einem Gedicht beschreibt, spiegelt sich das Leben der ersten bedeutenden deutschen Dichterin, Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848), deren Sehnsucht nach Liebe unerfüllt blieb. Sie wuchs auf dem Gute Hülshoff bei Münster in den Fesseln der harten Moral einer altadligen Familie streng katholisch auf.
Was der Autor in seiner Erzählung hier von ihr berichtet, ist die Episode einer großen, verzichtenden Liebe zu dem siebzehn Jahre jüngeren Levin Schücking. Die Sehnsucht nach der Gegenwart seiner Jugend bestimmt die letzten achtzehn Jahre ihres Daseins, beflügelt sie in ihrem Schaffen und nimmt ihr dennoch bei ihrer zarten und schwächlichen Konstitution allmählich die Kraft zum Leben.
Und Levin Schücking? Schmeichelt dem jungen Literaturwissenschaftler nur der Gedanke an den Umgang mit einer Dichterin und Adligen, oder weshalb sucht er die Verbindung zu ihr? Wir wissen von ihm nur, dass er 1862 die erste Biografie über sie schrieb und sich stets für die Pflege ihres Werkes einsetzte.
Ob er sie liebte? Vielleicht – gewiss aber nicht so, wie sie es sich insgeheim wünschte.
Das Buch erschien erstmals 1982 beim Verlag der Nation Berlin.
Das E-Book enthält außerdem die Biografie von Joachim Lindner mit Foto sowie einer Übersicht der E-Books des Autors.
Leseprobe
Aber dies war es nicht oder nicht allein, was ihr den Umgang mit ihm beinahe unentbehrlich machte, es war etwas anderes, dem sie sich nicht entziehen konnte. Damals musste es begonnen haben, dass er sie wie in seinen Briefen Mütterchen, liebes Mütterchen nannte, da sie ihn an seine verstorbene Mutter erinnerte. Er schrieb ihr oft ein Billett, auch wenn er sie erst kurz zuvor besucht und eigentlich nichts mitzuteilen hatte. "Bin müde, Mütterchen", hieß es da, "erzählen Sie mir etwas; ich will die Augen zumachen und hören, wie Sie sprechen, oder von Ihnen träumen. Gestern Nacht träumte ich von Ihnen, Sie saßen und schrieben... Sie sagten nichts und schrieben weiter, hinter zwei Wachskerzen wie die weiße Frau. Mütterchen, lieb Mütterchen, ich habe gewiss im Schlafe Sie gesehen und bin magnetisch bei Ihnen gewesen, wie Sie an mich geschrieben haben. Bekomme ich morgen das? Gottes Segen über Sie, mein armes, geplagtes Mütterchen. Ich will sogleich recht für Sie bitten, wenn ich nach Bett gehe, dass der liebe Gott Sie segne und ich Ihr frommes Kind bin."
Das klang so zurechtgestutzt, so unecht, die Naivität wirkte eher kindisch als kindlich, und dennoch: das Mutter-Sohn-Verhältnis, in das er sie drängte, war ihr lieb, obgleich sie das Bedenkliche daran nicht verkannte: Sie war nun einmal nicht seine Mutter und er nicht ihr frommes Kind. Sie aber ging darauf ein, spielte das Spiel mit, das ihr ernst war, bot es doch die Möglichkeit, ihre wahren Gefühle zu offenbaren, die sie sonst hätte verbergen müssen. Unbesorgt konnte sie ihn ihren lieben Jungen und ihr kleines Pferdchen nennen, ihm über die Haare streichen oder seine Hand in der ihren halten wie eine Mutter, die ihren Sohn zärtlich liebt.
Dass es ein gefährliches Spiel war, darüber wurde sie sich erst spät klar, nach ihrem Gespräch mit Elise auch darüber, dass sie ihm nicht mehr überlegen war wie in seiner Schülerzeit und dass er sie unsicher machte, wie sie ihn früher unsicher gemacht hatte.
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