Das Buch ist eine ebenso skurrile wie zarte Geschichte von einem, der auszog, die Welt zu retten und sich dabei fast selbst verlor.
Die hässlichste Frau der Welt kann sich vor Verehrern kaum retten. Sie ist eben eine Sensation! Und so kommt es, dass ihr Sohn gleich zwei Väter hat: Einen stolzen Adler und jenen schönen Müllmann, der eigentlich von der Frau gar nichts wissen will und ihr eben den Gefallen tut…
Als das wundersame Kind dann aber geboren wird – was ihre Mutter in einen tiefen Schlaf versenkt – streiten sich die beiden absonderlichen Erzeuger um die Vaterschaft. Denn dieser Sohn ist zu Höherem bestimmt, wie es scheint. Er hat nichts mehr und nichts weniger vor, als die Welt von allem Übel zu erlösen. Allerdings verliert er darüber seine Mutter aus den Augen – und so etwas tut nie gut.
Der Sohn eilt von Abenteuer zu Abenteuer, und überall, wo er auf Unrecht und Verdrehtheiten stößt, schafft er Ordnung. Jedenfalls meint er das, während er weitereilt, getrieben von Neugier und dem Drang nach Gerechtigkeit.
Aber nur etwas zu "stiften" und dann fortzurennen, das reicht nicht aus, wie sich herausstellt. An welchen Ort seiner Taten er auch zurückkommt, immer muss er feststellen, dass sich die Dinge inzwischen zum Schlechten entwickelt haben.
Und er kann weder verhindern, dass seine Mutter stirbt und seine Liebe, das kieselsteinerne Fräulein, in seinen Armen ganz und gar erstarrt.
Alles scheint aus zu sein für ihn. Aber zum Glück erwachsen ihm mächtige Helfer. All die Schwachen und Betrübten, denen er einst so unvollkommen geholfen hat, verbünden sich für ihn, und gemeinsam sind sie stark. Und da sich außerdem noch seine beiden ungleichen Väter aussöhnen, um ihrem Sohn beizustehen, kann ja die Welt vielleicht doch noch gerettet werden. Wenn man sich auch zunächst eine blutige Nase geholt hat. Aber schließlich wird man aus Erfahrung klug…
Die absonderlichen Abenteuer des Sohns, die ihn mit vielen unglaublichen Geschöpfen zusammenführen und in denen die Welt gleichsam durch ein leicht verzerrendes Brennglas betrachtet wird, sollen erstaunen, vergnügen und den Leser dazu anregen, das "Schiefe" in diesen Geschichten in ihrem eigenen Kopf gerade zu rücken.
Denn eigentlich kann immer nur der verfremdete Blick uns helfen, den Reiz der Wirklichkeit zu genießen. Nur die Fantasie öffnet den Blick.
„Der Sohn des Adlers“ knüpft an die Tradition des romantischen Kunstmärchens an, wie wir es von Goethe, von Clemens Brentano und vor allem natürlich von E.T.A. Hoffmann her kennen – und das im Gewand einer modernen, ein bisschen surrealen und ein bisschen schrägen Sprache. Er hat eben, wie gesagt, zwei Väter…
Das Buch erschien erstmals 1981 beim Verlag Neues Leben Berlin.
Das E-Book enthält außerdem die Biografie von Waldtraut Lewin mit Bibliografie und Foto und die Übersicht aller E-Books der Autorin.
Leseprobe
Da empörte ich mich und sprach: Ich will nicht mehr für dich meinen Schweiß vergießen! Aber er zuckte nur die Achseln und gab den Schnecken kein Futter mehr, und das Klagen der Tiere schnitt mir ins Herz, so dass ich wieder vor ihn trat und mich ihm unterwarf. Und in der Verzweiflung sagte ich: Nimm die Schnecken hin, ich schenke sie dir! Und er antwortete: Ich mache mir nichts aus Schnecken, aber gut, ich nehme sie dir aus Erbarmen ab. Du aber bringe dein Werk in meinem Weinberg zu Ende, mit dem du sehr in Rückstand bist, und beginne gleich mit der Arbeit am schadhaften Hausdach, denn wenn du willst, dass ich dich den Winter über durchfüttere, mittellos, wie du bist, musst du schon etwas tun.
Da war ich meine geliebten Tiere los und hatte doch nichts gewonnen.
Und als ich Wochen später ins Herrenhaus kam - denn mittlerweile schlief ich im Schafstall unter den Tieren -, da waren meine Schnecken fort, und mein Bruder lachte und sagte: Sie haben sich verwandelt, und wies mir eine schöne Sklavin in rotem Kleid, gegen die hatte er sie vertauscht. Und ich dachte: eigentlich gehört diese Sklavin mir, denn es waren meine Schnecken, und ich sprach es aus. Er sah mich an und meinte: Du kannst sie gern zur Frau gewinnen, wenn du sie magst, ich gebe sie dir für deine Hände.
Damals verstand ich noch nicht, dass es ihm ernst war, und lachte darüber. Und er lachte mit und sagte: Versuch es und kratze mit deinen Händen die grüne Schicht vom Mondgestein, das oben in den Bergen liegt, denn dieses ist sehr kostbar, und kein Werkzeug ist dazu geeignet als die nackte Hand eines Menschen. Bring mir davon drei Hüte voll, so dass ich etwas damit anfangen kann, und die Frau ist dein.
Ich sah ihn an, ob er vielleicht scherze, aber er wandte sich ab und kümmerte sich nicht mehr um mich, und die Sklavin warf mir einen Blick zu, aus dem ersah ich, dass sie gern von ihm wegwollte, und ich begehrte sie sehr.
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